Kopfkind

Buch E-Book

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Gebunden, Fadenheftung, Lesebändchen

160 Seiten

CHF 24.00, EUR 24.00

ISBN: 978-3-85990-583-2

Erscheint im März

Johanna, Anwältin und alleinerziehende Mutter, scheint ihr Leben im Griff zu haben, trotz hoher Beanspruchung im Beruf, pubertierender Tochter und demenzkranker Mutter, die mit ihnen in einer Hausgemeinschaft lebt. Johannas Strategie beruht darauf, in allen Bereichen auf sich selbst zu vertrauen – bis zu dem Punkt, an dem sie verlernt hat, jemand anderen zu "brauchen". Sie zieht es vor, Arbeit und Verantwortung allein zu tragen und dafür das Heft in der Hand zu behalten. Kontrolle und Planung kommen bei ihr, die der Vater früher liebevoll "mein Kopfkind" genannt hat, an erster Stelle. Um den Überblick zu behalten, schreibt sie To-do-Listen, die nie ganz abgetragen sind. Und doch gibt es diesen Teil in ihr, der sich trotz aller Risiken nach Nähe und Leidenschaft sehnt – danach, die Kontrolle abgeben und loslassen zu können.

Die fortschreitende Demenzerkrankung der Mutter bedroht die sorgsam erarbeiteten Routinen des Drei-Frauen-Generationen-Haushaltes. Ihr schleichendes, unaufhaltsames Verschwinden als Gegenüber konfrontiert Johanna mit dem Tod, den sie als Verlust ihrer autonomen Existenz fürchtet. Gleichzeitig nimmt der knisternde Schlagabtausch per E-Mail mit ihrem "Klienten", den sie im Internet angetroffen hat, zunehmend Raum in ihrem Leben ein. Johannas Schutzwall beginnt zu bröckeln …

Um 23 Uhr stand die Mutter im Mantel vor Johannas Wohnungstüre. Am Abend vor einem geplanten Besuch bei ihrem Hausarzt am nächsten Vormittag.
Ob man jetzt nicht gehen müsse?
Wohin denn? Johannas ratlose Frage.
Zum Arzt … Du hast doch gesagt, wir müssen um elf Uhr aufbrechen?
Mama. Morgen Vormittag um elf! Jetzt ist doch Nacht. Johanna führte die Mutter nach unten. Zeigte durchs Fenster nach draussen. Siehst du, es ist dunkel. Hast du das nicht gemerkt?
Doch … schon, murmelte die Mutter. In ihren Augen jene Angst.
Ob es ihr nicht seltsam vorgekommen sei, mitten in der Nacht zum Arzt zu gehen?
Sie wusste nur, dass ihr altmodischer Wecker mit dem extra grossen Zifferblatt elf Uhr angezeigt hatte.